19

 

 

Als wir die Ruder einholten und die Segel sich füllten, sah ich über mir den herrlichen rotgoldenen Gdoinye, den Boten der Herren der Sterne, der mich beobachten und über mich wachen sollte. Wenn sich auch die Taube der Savanti nicht sehen ließ, so ermunterte mich doch der Anblick des majestätischen Raubvogels; ich faßte seinen Besuch als gutes Zeichen auf. Dies war, wie Sie bald sehen werden, recht naiv von mir.

Wir machten gute Fahrt nach Süden und Osten, beschrieben einen großen Bogen um die nordwestliche Spitze Pandahems, wo Lome liegt, und kreuzten nach Osten mit Kurs auf die Insel Panderk, die vor dem Westende der gewaltigen Panderk-Bay liegt, unmittelbar nördlich der Grenze zwischen Menaham und Tomboram. Hier schickten wir unsere Spione an Land.

Die eintreffenden Meldungen erzürnten mich – und trieben mich dazu, eine Torheit zu begehen, die fast zur Vernichtung der Piratenflotte geführt und mich völlig aus dem Gleis geworfen hätte, aber damals glaubte ich nach den Plänen der Herren der Sterne zu handeln und war der Meinung, daß ich nicht fehlgehen konnte.

Die Spione berichteten, die menahamische Armee marschiere auf die tomboramische Hauptstadt Pomdermam zu und habe König Nemo und alle seine Streitkräfte gebunden. Zugleich nähere sich verstohlen von der anderen Seite der Panderk-Bay eine gewaltige Armada, um Pomdermam überraschend vom Meer her anzugreifen.

Dies war allein schon schlimm genug. Doch für Inch und mich gab es noch schlimmere Nachrichten. Einer der Spione, ein agiler Piratenkapitän, der in Menaham geboren war, meldete eine wichtige Tatsache: Der Kov von Bormark – »ein richtiges Jüngelchen!« – und seine Mutter hätten fliehen müssen und versteckten sich irgendwo, doch Pandrite mochte wissen, wo.

Ich sagte nur ein Wort: »Murlock!«

Inch nickte. »Sähe ihm ähnlich – ein eiskalter Schachzug.«

»Aber er muß verrückt sein! Blind! Begreift er denn nicht, daß Menaham ihn hinterher fallen lassen wird? Er bekommt sein Vermögen und den Titel nie wieder, beim Schwarzen Chunkrah!«

»Murlock Marsilus«, sagte der Piratenkapitän und lächelte wissend. »Ja, das war der Name. Aber er ist nicht bei der Flotte in der Bucht. Er wurde auf dem Weg nach Pomdermam gesehen, auf einem Zorca, den er antrieb, als sei Armipand persönlich hinter ihm her.«

Anschließend deutete der menahamische Kapitän mit einem Kopfnicken zum nordöstlichen Horizont und machte mich auf das nächste große Problem aufmerksam – die mächtigen Wolken, die sich dort zusammenballten. Rings um die Insel, vor der wir ankerten, war das Wasser ungewöhnlich glatt.

»Bei Diproo dem Fingerfertigen!« sagte der Pirat und zeigte mir damit, daß er einmal der Diebeskaste angehört hatte. »Die Flotte könnte gerade noch nach Pomdermam durchkommen – aber dann kann auf Tage kein Schiff mehr durch!«

Plötzlich schienen mich alle anzusehen. Ich spürte ihre Blicke, die mich wie Blutegel auszusaugen schienen.

Eine schnelle Entscheidung war kein Problem, mochte sich aber als verhängnisvoll erweisen. Und wie weit die Piraten auf mein Kommando eingehen würden, blieb ebenfalls abzuwarten. Ich knurrte Inch und Valka etwas zu und ging in meine Kabine. Dabei hielt ich unwillkürlich nach dem rotberockten Marinesoldaten mit Muskete und aufgepflanztem Bajonett Ausschau, der in Habachtstellung meine Tür bewachen sollte – so sehr fühlte ich mich von den Problemen bedrängt. Aber ich befand mich auf Kregen – und der nächste Königliche Seesoldat mit Muskete und Bajonett war vierhundert Lichtjahre entfernt. Und ich kannte die Antwort bereits – mein untypisches feiges Zögern war nur eine Entschuldigung vor mir selbst, daß ich wieder einmal vor Delia versagte. Ich liebte Delia, und Delia liebte mich – das wußten wir. Ich sagte mir auch, daß Delia nicht an mir zweifeln würde, daß sie nicht freiwillig heiraten würde; und so war es vor allem die Raffinesse, die ich fürchtete, die schlauen Manipulationen ihres mächtigen Vaters. Sie würde verstehen, daß ich Tilda und Pando verpflichtet war, ehe ich mich ihrem Vater stellte. Ich würde wohl grob mit ihm umspringen müssen ... O ja.

Die Liebe zwingt einen sanft dazu, sich seelisch umzustellen. Wenn man selbstlos nur auf eine Frau fixiert ist und dabei das Leben und die Hoffnungen anderer vernichtet, nur um dieser Liebe zu dienen, kann man nicht wirklich lieben. Die Liebe verlangt Opfer, sie erleichtert das Geben. Und sie bedeutet, daß auch das Nehmen ein Teil der Liebe ist.

Ich trat auf das Achterdeck, die Männer musterten mich schweigend. Alle Blicke waren auf mich gerichtet, als meine Hand den Rapiergriff umfaßte, und ich wußte, daß mein Gesicht wieder seinen altbekannten teuflischen Ausdruck angenommen hatte.

»Reiche Beute wartet auf uns an Bord der menahamischen Armada! Große Schätze werden uns gehören! Darauf vernichten wir das Verfluchte Menaham und nehmen uns Reichtümer, die uns den Rest unseres Lebens vergolden!«

Ich wandte mich an Valka, der nun die Stelle des Ersten Leutnants innehatte, während Spitz als Varter-Hikdar fungierte. »Gib das Signal: Anker auf! Wir segeln sofort los!«

Eine Sekunde lang herrschte absolute Stille.

Hatte ich es nicht geschafft? Würden mir die Männer nicht gehorchen? Im nächsten Augenblick warf Inch seinen Hut in die Luft. »Gegen das Verfluchte Menaham!« brüllte er. »Wir zerfetzen die Kerle in der Luft! Hai! Jikai! Hai, Dray Prescot!«

Danach ging es nur noch darum, den Anker zu lichten und unsere Ruderer an die Arbeit zu schicken. Eins hinter dem anderen folgten uns die übrigen Schwertschiffe, die meine Führung anerkannten und keine anderen Pläne hatten. Als wir Geschwindigkeit aufnahmen, kam ein Langboot längsseits. Mit einem Seil wurde eine Truhe an Bord gehievt, gefolgt von Viridia. Sie sprang auf das Deck, schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht und rief: »Bei Opaz, Dray Prescot! So leicht wirst du mich nicht los!«

Ich deutete mit einer Kopfbewegung auf die düsteren Wolken, die sich am Horizont zusammenballten und auftürmten, und sagte so leise, daß nur sie mich hören konnte: »Es könnte sein, daß du hier deine letzte Reise antrittst, Viridia!«

Sie lachte laut.

»Und wenn schon – dann möchte ich mit keinem anderen Mann als dir zu den Eisgletschern Sicces eingehen!«

Die schwarzen Wolken türmten sich immer höher, und das Licht der Sonnen verdüsterte sich. Der Wind frischte auf, und bald ging die See ungewöhnlich hoch. Wir zurrten alles fest und setzten Sturmsegel. Jetzt mußten die Schwertschiffe beweisen, ob sie seetüchtig waren.

Mancher Piratenkapitän drehte bei – aus Feigheit oder Vorsicht oder Notwendigkeit –, doch die Freiheit steuerte geradewegs über die gewaltige Panderk-Bay, und ein großer Teil der Piratenarmee folgte ihr auf diesem schweren Wege.

Wenn wir es nicht schafften, war Pomdermam verloren – und mit der Stadt das Land, und mit dem Land auch Bormark, Tilda und Pando.

Ich hatte mich auf dem Achterdeck festgezurrt. Der Wind fuhr mir durchs Haar, brannte mir in den Augen, durchnäßte mich. Wir schlugen alle Waffen zurück, die der Ozean gegen uns aufbrachte, und am zweiten Tag ließen wir den Sturm hinter uns zurück, tüchtig durchgeschüttelt, aber in gutem Zustand, und glitten mit abflauendem Wind auf einem sich beruhigenden Meer dahin.

Und dann der Ruf: »Segel ahoi!«

Am Horizont erschien das herrliche Panorama der Armada aus Menaham. Die Schiffe waren ziemlich weit verstreut; sie hatten Ausläufer des Sturms mitbekommen. Signale gingen von Schwertschiff zu Schwertschiff, und meine Flotte hielt sich zurück und ritt in aller Ruhe die letzten großen Dünungswellen aus, während die Schäden repariert wurden und die erschöpften Mannschaften sich erholten.

Viele Binnenländer glauben naiv, daß sich Schiffe wie Soldaten drillen und führen ließen, und obwohl die Marine mit ihrem Signalsystem große Fortschritte gebracht hatte, konnte man selbst im Zeitalter der Segelschiffe nicht erwarten, daß sich die Einheiten zu sauberen vierfachen Linien formierten, mit Außenposten und Kundschaftern. Überhaupt braucht eine Flotte viel Platz, und die Entfernungen sind manchmal so groß, daß es lange dauert, bis die Signale zum letzten Schiff vordringen. Ich hatte mir also einen Rat Nelsons zu eigen gemacht: »Wo immer ein Feind auftaucht, haltet darauf zu.«

Vielleicht werde ich ein andermal die Schlacht in der Panderk-Bay ausführlicher beschreiben.

Jedenfalls war das Meer im nächsten Morgengrauen in lange rotgrüne Lichtbahnen getaucht. Vögel flogen tief über das Wasser dahin, das in glasiger, flacher Dünung dalag, während der Wind zu einem Zephir herabsank, so daß wir voll und ganz auf die Ruder angewiesen waren, und das war Knochenarbeit! Die Männer konnten nicht etwa bequem sitzen und sich mit den Füßen abstemmen – sie mußten stehend den Ruderbaum umfassen, um ihn nach unten zu stoßen, ihn anzuheben und sich mit dem ganzen Körper nach hinten zu werfen, wobei sie mit ihrer geplagten Kehrseite heftig auf die gepolsterte Bank prallten. Ja, es ist ein voller physischer Einsatz erforderlich, um ein Schwertschiff zu rudern. Jeder Muskel muß helfen, das Ruderblatt durchs Wasser zu ziehen. Wir rauschten also durch die durchsichtigen Wellen, während weißes Wasser unsere bronzenen Rammsporne umschäumte, und näherten uns zielbewußt der Armada aus dem Verfluchten Menaham.

Das größte Problem würde darin liegen, daß sich einzelne Kapitäne bestimmt auf ein Schiff konzentrieren und es ausrauben wollten.

Der Trommeldeldar gab seinen dröhnenden Rhythmus an – Bongg! Bongg! Bongg! Ein einfacher Schlag, der immer schneller wurde, denn wir hatten es eilig. Wir schnitten elegant durch das Wasser der Bay. Vor uns flatterten die diagonal gestreiften blaugrünen Flaggen Menahams an hundert Masten. Die Armada! Ich bestimmte unser Ziel. Die Steuerdeldars bewegten das Steuerruder. Unser Sporn schnitt schäumend durch die See. Ich schätzte die Entfernung ... »Fertigmachen zum Rammen!«

Spitz' Varterschützen feuerten und hielten sich fest. Ein kurzer Augenblick gespannter Erwartung, ein zerbrechlicher Augenblick, da alles zusammenfloß – dann bohrten wir uns in das Heck des Argenters, und die Welt löste sich in ein knirschendes, tobendes Chaos auf. Sofort ließ ich los, sprang von unserem hohen Bug durch das Heckfenster des Argenters und stieß auf eine Wand zuckender Rapiere, die sich uns entgegenreckten. Gefolgt von meinen Meerleems durchbrach ich die Verteidigungslinie und eilte brüllend über das Achterdeck. Nach wenigen Augenblicken hatten wir das Schiff erobert. Wir fesselten die Mannschaft und brachten sie unter Deck, ließen eine kleine Prisenmannschaft an Bord und kehrten auf die Ruderbänke zurück. Und wieder hieß es rudern, wieder galt es, den ganzen Körper zurückzuwerfen, um das Ruderblatt durch das widerspenstige Wasser zu ziehen. Wir besiegten einen zweiten Argenter, wichen dem tödlichen Stoß eines menahamischen Schwertschiffs aus und fuhren dicht an seiner Flanke entlang, so daß unser Bug die gegnerischen Ruder abscherte wie Streichhölzer, während wir die unseren im letzten Augenblick eingezogen hatten.

Den Rest des Tages waren wir damit beschäftigt, menahamische Schiffe zu jagen und alles zu erobern oder zu versenken, was die diagonal gestreifte blaugrüne Flagge führte.

Als die Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln am Nachthimmel stand und Inch sich einen großen Turban um den Kopf wickelte, waren wir die Herren des Meeres. Die Armada war geschlagen.

»Und dies ist der große Sieg, den du uns versprochen hast, Dray!« rief Viridia aufgeregt. Von ihren Waffen tropfte Blut, ihre bunte Kleidung war zerrissen, man sah das Kettenhemd, das sie darunter trug.

»Erst zum Teil, Viridia, erst zum Teil. Als nächstes müssen wir in Pomdermam landen!« Ich ließ meinen yumapanischen Brustpanzer zu Boden sinken und hängte mein Rapier an einen Haken. Ich war müde, aber nicht müder als sonst nach einem langen Kampf. Viridia sah mich ausdruckslos an.

»Morgen oder übermorgen landen wir in Pomdermam, Viridia. Anschließend treiben wir die Menahamer über die Grenze zurück.«

»Warum tue ich das alles für dich, Dray?« fragte Viridia. »Warum folgen dir die Inselpiraten bei einem so gefährlichen Unternehmen?«

»Wegen der Beute.«

»Aye – aber auch wegen etwas anderem.«

Ich wußte, wie schnell der Kontakt zwischen mir und den Piraten abreißen konnte. Es waren beutegierige Männer, die sich immer nur die leichtesten Opfer aussuchten. Ich mußte sie dazu bringen, mit mir gegen die menahamische Armee anzutreten. Aber sie würden mir folgen, davon war ich fest überzeugt.

»Sobald sich die Piraten im Verfluchten Menaham austoben, Viridia, gibt es Beute im Überfluß.«

Sie neigte den Kopf. »Und warum sollen wir nicht die Tomboramer ausnehmen?«

»Wenn das geschähe, wäre dein Kopf der erste, der auf den Mauern Pomdermams aufgespießt würde!«

Viridia griff nach einem Zweig mit Palines. »Das würdest du doch nicht tun, Dray?«

»Sei dir da nicht so sicher, Mädchen!«

Sie lachte laut und begann ihr Kettenhemd auszuziehen, das nicht weniger blutverkrustet war als mein Brustpanzer. Ich schickte sie in die Nebenkabine, denn wir hatten viel Platz an Bord dieses Schwertschiffs. Die Männer schliefen in Pelzen und Seidenstoffen zwischen den Ruderbänken und auf dem Mittelgang. Die Wachen waren eingeteilt, und ich achtete darauf, daß alles genau nach Plan lief.

Von der Insel Panderk beträgt die Entfernung nach Pomdermam in gerader Linie etwa hundert Dwaburs, und nach dem Sturm und der Seeschlacht nahm ich an, daß wir erst am übernächsten Tag eintreffen würden. Einige Piratenkapitäne hatten erwartungsgemäß ihre Prisen genommen und waren zu den Inseln zurückgefahren; doch noch immer folgte mir eine erfreulich große Anzahl von Schiffen, deren Segel vor dem leuchtenden Himmel einen großartigen Anblick boten.

Von einer Hafenstadt sichtet man gewöhnlich als erstes den Leuchtturm. Bei Pomdermam gibt es sogar zwei Türme – der eine wird von der Regierung unterhalten, der andere von den Todalphemen Pomdermams. Die Todalpheme, die geheimnisvollen Mathematiker und Philosophen der kregischen Ozeane, berechnen die Gezeitenfolgen und geben Tabellen heraus, die vor Hochwassern warnen.

Ich ließ unsere Armada in eine kleine Bucht westlich der Stadt einlaufen. Kregens Landmasse ist größer als die der Erde, und die Besiedlung ist darüber hinaus wesentlich dünner als bei uns, was natürlich angenehmer ist, wenn man die Weite und ausreichenden Lebensraum schätzt. Soweit wir feststellen konnten, beobachtete uns niemand, als die Schwertschiffe im ruhigen Wasser der Bucht vor Anker gingen. Die Kapitäne und Mannschaften ruderten an Land, wo ich eine Versammlung abhielt.

»Piratenkapitäne!« rief ich. »Ihr habt gut gekämpft. Ihr seid durch einen Sturm gesegelt, der einen See-Barynth töten würde. Ihr habt euch Reichtümer angehäuft. Jetzt geht es gegen das Verdammte Menaham, und wir werden fette Beute machen.« Ich starrte in die Runde. »Wenn jemand unter euch aus Menaham kommt und sich zurückziehen möchte, würde ich das verstehen. Er kann gehen, er und seine Mannschaft.«

Niemand rührte sich.

»Also gut. Wir greifen die Menahamer von der Flanke her an. Sie werden uns nicht erwarten. Nein, sie vermuten im Gegenteil, daß ihnen eine Armada vom Meer her zum Entsatz naht. Mit euch verfilzten Meerleems rechnen sie auf keinen Fall!«

Dann marschierten wir los; da wir keine Reittiere hatten, mußten wir laufen. Die Piratenarmee war ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Männer und Halblinge vieler Rassen schritten nebeneinander dahin – doch etwas hatten wir alle gemein. Wir waren vorzügliche Krieger.

Wie es sich ergab, griffen wir die menahamische Armee doch nicht von der Flanke an.

Wir überraschten sie vielmehr von hinten.

Die Soldaten waren dabei, die Stadt zu erstürmen, die Mauern einzureißen und Häuser in Brand zu stecken. Die Tomboramer hatten sich mutig gewehrt, doch jetzt wurden sie überwältigt und zurückgeschlagen. Wir sahen Flammen und Rauch. Überall, wo die diagonalen grünroten Streifen auftauchten, griffen die Piraten wie die Seeteufel an. Rapiere hoben sich und zuckten herab. Enterhaken fuhren um erhobene Arme. Unsere Bogenschützen jagten den gefiederten Tod in die Reihen der Gegner. Die Tomboramer glaubten ihren Augen nicht zu trauen, als die Rettung in letzter Minute herannahte.

Während des blutigen Geschehens kämpfte ich an der Spitze meiner Männer, umgeben von meinen Getreuen, die sich wie ein Keil in die Reihen des Feindes bohrten. Über unseren Köpfen schwebte meine Flagge, das gelbe Kreuz auf rotem Grund. Viridia blieb an meiner Seite. Inch und seine unbesiegbare Axt waren ebenfalls zur Stelle. Valka, dessen Rapier sich wie ein stählerner Blitz bewegte, stand mir um keinen Hieb nach. Spitz und seine Bogenschützen bahnten uns den Weg. Immer weiter drangen wir vor, und nach kurzer Zeit begannen die Menahamer vor uns zurückzuweichen und zu fliehen – und wir hielten Ausschau nach Beute.

»Ihr laßt den Besitz der Tomboramer in Ruhe!« hatte ich meinen Piratenkapitänen gesagt. »Jeder, der hier plündert, wird aufgehängt.« Ich erinnerte mich an Wellington und seine Methoden. »Wenn wir erst in Menaham einfallen, bekommt ihr dort alle Schätze, die ihr euch erträumt – und die menahamische Armee ist bereits vernichtet. Euch wird das ganze Land gehören!«

Eine letzte Gruppe menahamischer Kavalleristen leistete am Palast König Nemos zähen Widerstand. Ihre Zorcas waren längst getötet worden, und sie kämpften zu Fuß und machten uns viel zu schaffen. Mit bedenklich wenigen Männern leitete ich den letzten Angriff ein, der das gelbe Kreuz meiner Flagge tief in die Reihen der blaugrünen Streifen trug.

»Deine Flagge zieht die Männer mit!« schrie Viridia atemlos, während wir wild um uns hieben. Die Kavalleristen trugen schwere Rüstungen, und wir hatten es nicht leicht. Aber dann strömten wir durch eine Bresche und wüteten unter den Menahamern, als bereite uns die Flagge wirklich den Weg zum Sieg.

»Folgt der Flagge!« schrie Viridia. Sie hatte ihr Rapier hingeworfen und umklammerte die blutige Fahnenstange.

Wir rannten hinter dem großartigen Mädchen mit dem wehenden schwarzen Haar her und überrannten die letzten menahamischen Kavalleristen. Jetzt waren nur noch die wenigen Soldaten übrig, die zuvor schon in den Palast eingedrungen waren. Sie duckten sich wie in die Enge getriebene Cramphs und waren bereit, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

»Großartig ist sie!« sagte Inch atemlos.

»Aye!« rief Valka und schwang sein Rapier.

Wir eilten die Marmorstufen hinauf und betraten König Nemos Palast.

Wie erwartet, stieß ich hier auf Murlock Marsilus.

Viridia, die mit der Linken die Flagge hielt und mit der Rechten ein anderes Rapier vom Boden aufgehoben hatte, trat mit dem Fuß eine Doppeltür auf. Spitz jagte drei Pfeile in den Raum, dann sprangen Inch und ich über die Schwelle. Wir erblickten ein halbes Dutzend menahamische Soldaten. Drei waren von Spitz' blauen Pfeilen getötet worden. Die anderen gingen vor Inch, Valka und mir in die Knie. Dann blickte ich durch die offene Tür ins Nachbarzimmer.

Murlock hatte ein Rapier erhoben, um es Pando in den Rücken zu stoßen. Mit der anderen Hand hatte er die Mutter des Jungen um die Hüfte gepackt.

Tilda wehrte sich heftig. Sie hieb mit der Weinflasche nach seinem Kopf, die Murlock aber wild auflachend zur Seite schlug. Doch die Ablenkung hatte genügt. Er hörte unser Eindringen und fuhr herum – und ich drehte mein Rapier um, wog es einen Augenblick in der Hand und schleuderte es auf eine Weise, wie ich sonst nur mit den Javelins meiner Klansleute umgehe.

Das Rapier traf ins Ziel.

Murlock schrie auf, der Schrei brach ab, als die Waffe seinen Hals durchdrang. Mit weit aufgerissenen Augen stand er einen Augenblick lang reglos da – sein Gesicht war eine schreckliche Maske des Hasses und des Unglaubens. Dann brach er zusammen.

Laut aufschreiend eilten Tilda und Pando quer durch den Raum und warfen sich in meine Arme.

»Dray! Dray!« riefen sie atemlos und klammerten sich an mich. »Dray Prescot! Du bist zurückgekehrt!«

Viridia, die über und über mit Blut beschmiert war und meine Flagge im Arm hielt, starrte mich an. Ihr gebräuntes Gesicht bildete einen reizvollen Gegensatz zur klassischen, weißhäutigen Schönheit Tildas. Pando schluchzte vor Erleichterung.

»Soso«, sagte Viridia. »Dazu hast du mich und meine Piraten also gebraucht! Eine Frau und ihr Balg! Nur darum haben wir gekämpft!«

»O nein, Viridia. Dies ist Pando, Kov von Bormark. Und dies Tilda, seine Mutter. Die beiden sind meine Freunde, und wenn du mein Freund und Kamerad bist, so sind sie es auch für dich. Vergiß das nicht. Und was mich angeht – mein Glück liegt in einem anderen Land.«

»Sag das nicht, Dray!« sagte Tilda und klammerte sich an mich. »Sag nicht, daß du immer noch nach Vallia fahren willst!«

»Vallia!« sagte Viridia. »Was bedeutet das, Dray Prescot?«

Plötzlich spürte ich die alte Wut in mir, den Wunsch, mich umzudrehen und alles zu zerschlagen, was mir in die Hände kam. Ich hatte nicht wegen solcher kleinlichen Streitereien alles auf eine Karte gesetzt!

»Ich reise nach Vallia, Viridia, und niemand kann mich aufhalten – weder du noch Tilda!« Ich hob Pando in die Höhe. »Pando. Du hörst mit der Kriegspielerei sofort auf. Du bist ein Kov! Du mußt dein Land weise regieren und auf die Ratschläge deiner Mutter und Inchs hören. Sonst versohle ich dir das Fell! Und du, Tilda, du solltest auf den Jholaix-Wein verzichten, denn Pando braucht nüchterne Ratschläge. Ihr beide müßt euch auf Inch verlassen. Er kennt meine Einstellung.«

Wenn sich diese Worte pompös und autoritär anhören, ich sagte nur die Wahrheit, und das war im Augenblick das wichtigste. Ich konnte kaum noch an mich halten. Vallia! Delia! Die Sehnsucht nach ihr brannte in meinen Adern, erfüllte mich mit Verlangen. Zu lange hatte ich sie schon warten lassen, zu lange schon hatte ich mich mit Piraten und Kovs und anderen Dingen aufgehalten.

»Dray, du willst uns doch nicht – verlassen?« Tilda versuchte vergeblich, die Tränen zurückzuhalten. Ein seltsamer Ausdruck erschien in ihren Augen, der mir neu war. Wenn ich jetzt hierblieb, hatte ich bald den gleichen Ärger mit ihr wie mit Viridia!

Das Piratenmädchen starrte mich wütend an. »Wenn du nach Vallia ziehst, Dray Prescot, was hindert mich daran, dich zu begleiten?«

Ich seufzte. »Es gäbe nur weiteren Kummer für dich in Vallia, Viridia.«

»Ist sie denn so viel schöner als ich, Dray?«

»Oder als ich?« wollte Tilda wissen.

Hierauf gab es keine höfliche Antwort. Doch mein Schweigen war beredt genug. Die Stille zog sich peinlich in die Länge.

Schließlich rettete uns Pando. »Und mich willst du versohlen, Dray?« rief er.

Ich lachte. »O ja, ich vertrimme dich, du Sicce-Wicht, wenn du dich nicht wie ein echter Kov benimmst und für die Menschen in Bormark sorgst! Krieg spielen kann jeder kleine Junge, Frieden und Wohlstand erhalten, ist die Kunst, die dir ansteht.«

Ehe Pando etwas erwidern konnte, füllte sich das Zimmer mit den Piraten, die mir gefolgt waren. Sie drängten herein und schwenkten siegesbewußt ihre Rapiere. »Hai, Jikai!« riefen sie. »Hai, Dray Prescot! Hai! Jikai!«

Nun, sie waren glücklich, wartete doch in Menaham reiche Beute auf sie. Ich hörte mir das wilde Durcheinander ihrer Begeisterungsrufe einen Augenblick lang an. Das herrliche Sonnenlicht Antares' strömte durch große Fenster herein und schimmerte auf dem kostbaren Schmuck des Saales, auf den Waffen, auf den erregten Gesichtern und auf dem Blut. Ich sah durch die Fenster in das grelle Licht hinaus und erblickte den riesigen Raubvogel, dessen rotgoldenes Gefieder in den vermischten Strahlen der Doppelsonne schimmerte.

Und eine seltsame Kälte breitete sich in mir aus.

Auf unsicheren Beinen drängte ich mich durch die Menge und verschwand in einem kleinen Nebenzimmer. Kaum merkte ich, daß Viridia und Tilda mir besorgt folgten, und wenn sie etwas sagten, hörte ich ihre Worte nicht. Wahrscheinlich schlossen sich auch Inch, Valka und Spitz der Gruppe an, und Pando wollte sicher auch nicht allein bleiben.

Mir war schwindlig.

In dem Augenblick – und wie gut ich mich an diesen Augenblick des Entsetzens und der Verzweiflung erinnere! – sah ich in dem leeren Zimmer die dahinhuschende Gestalt eines Skorpions.

Eines Skorpions!

Da wußte ich Bescheid ...

Ich sollte zur Erde zurückgebracht werden, ich sollte aus Kregen verbannt werden ...

Als die verfluchte blaue Strahlung mein Blickfeld einengte und ein Gefühl des Fallens mich erfaßte und meine Glieder, meinen Körper, mein Gehirn einhüllte, schrie ich auf.

»Vergeßt mich nicht, vergeßt mich nicht!«

Und als ich den Herren der Sterne und den Savanti lauthals meine Verachtung bezeigen wollte, weil sie mich so rücksichtslos zur Erde zurückholten, kam kein Laut über meine Lippen.

Die blaue Tönung wurde dunkler.

Sie gewann Ähnlichkeit mit einem riesigen, blauschimmernden Skorpion.

Ich stürzte.

Durch meinen Geist gellten die Worte, die ich nicht über die Lippen brachte: »Delia! Meine Delia aus Delphond! Delia aus den Blauen Bergen! Ich komme zurück! Warte auf mich! Ich komme zurück, Delia!«

Und ich wußte, daß sich dieser Wunsch erfüllen würde.

 



*   Das Wort ›Kyr‹ ist von Prescot in seiner Erzählung oft benutzt worden, und ich habe es meistens in »Lord« abgeändert. Nun gewinne ich aber den Eindruck, als sei diese Übersetzung unrichtig, als sei die Anrede »Herr« vielleicht besser geeignet. Als Teil eines Buchtitels kann das Wort sicher unübersetzt verwendet werden. Auch haben wir hier vielleicht einen Anhaltspunkt, warum es auf Kregen so viele Naths gibt.

*   Ein weiterer Hinweis auf Ereignisse in Dray Prescots Leben auf Kregen, die uns aufgrund fehlender Kassetten nicht zugänglich waren. A. B. A.

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